Unser Finanzsystem – Was es ist und was es nicht ist

#1 von ped43z , 27.05.2015 22:00

Wie das aktuelle rechtlich legitimierte zentralistische Geldsystem funktioniert, wird man nur verstehen, wenn man neben der Mechanik des Konstrukts auch die Psychologie der Menschen, die mit dem System umgehen und die Ideologien dahinter betrachtet. Dadurch können wir uns von bestimmten Illusionen verabschieden und auf die Herausforderungen, die sich an uns selbst richten werden, einstellen.
Deshalb möchte ich hier vor allem Fragen stellen, Anstöße geben.
Das Folgende soll die Klammer für alle weiteren Beiträge zum Geldsystem sein, wie da sind ideologische und wirtschaftstheoretische Grundlagen, Institutionen, Geldschöpfung, Zinssystem, Vernetzung, Geschichte, Krisenprozesse und mögliche Alternativen.

Gleich vorweg: Das gegenwärtige Finanzsystem ist nicht Ursache allen Übels, ebenso wenig wie seine Beseitigung die Lösung aller Probleme bedeutet.

Die Menschen dürsten nach einfachen, weil – vor allem für sie selbst – bequemen Lösungen und wurden damit immer wieder – mehr oder weniger bereitwillig – betrogen. Die Vorstellung einen “Schuldigen” gefunden zu haben, womit man an sich selbst nichts verändern muss, ist für einen Großteil der Menschen offensichtlich einfach zu verlockend.

Beruhen die in Bildungseinirichtungen vermittelten Lehren zum Geld- und Finanzsystem tatsächlich auf wissenschaftlichen Grundsätzen?

Das stupide Vermitteln von per Definition geschaffenen Regeln zu Wirtschaft und Finanzen und das Verkaufen desselben als Wirtschaftswissenschaften hat einen Grauschleier über die wirkliche “Natur” des Geldes gelegt. Doppelte Buchführung, Zins und Zinseszins, Geldschöpfung – dies alles kann man erlesen, als gelebte Realität begreifen. Bei kritischer Analyse wird man aber erfassen, dass dieses System voll von Unlogik, Absurditäten und inneren Widersprüchen ist, gewürzt mit vielen mathematischen Formeln, die dem Ganzen einen Anstrich von Komplexität wie Seriösität geben, um aber gleichzeitig zu suggerieren, dass es nur für sogenannte Experten verständlich ist und diese natürlich wissen, was gut und richtig für uns, den Bürger ist. Dieser Anachronismus bekommt nur dort eine gewisse Logik, wo man die Motive derer hinterfragt, welche das System etablierten und durchsetzten, gleichsam derer, die daran wissentlich, wie unwissentlich(!) festhalten – und wenn man gleichzeitig die verschiedenen Facetten unseres Denkens versteht.

Marx beschrieb in seinem “Kapital” ausführlich, dass Geld an sich keinerlei Wert besitzt, er erklärte dessen Funktion anhand der Herausbildung als allgemeines Äquivalent des Austauschs von Waren und Leistungen. Daraus leitete er – als konsequenter Verfechter einer materialistischen Weltanschauung – eine Wertschöpfungskette ab, in der alle Produktionsmittel und Produktivkräfte in die Wertbildung und daraus ableitend in die Preisbildung (dargestellt im allgemeinen Äquivalent) aufgingen. Diesen Prozess sah er als einen objektiven an, als ein Naturgesetz. Aus ihm heraus analysierte er hervorragend die Mechanismen der kapitalistischen Gesellschaft. Nur:

Hatte er (selbst damals) recht mit der Annahme, dass Geld ein allgemeines Äquivalent ist?

Kurioserweise propagieren ausgerechnet die intellektuellen Verfechter der Marktwirtschaft voller Überzeugung diese These bis heute und leiten daraus u.a. ab, dass Geld eine unbedingte Notwendigkeit ist zur Regelung von Angebot und Nachfrage – und das wiederum als Notwendigkeit um den Wohlstand der Gesellschaften zu heben.

Was aber “tut” das Geld – in unseren Köpfen?

Sind wir in unserem Wesen tatsächlich so gestrickt, dass wir Werte, Bedürfnisse in Geld berechnen, abzählbar machen?

Was ist ein Wert überhaupt, lässt er sich auch nur annähernd objektiv in einem Abstrakt wie Geld tatsächlich darstellen?

Wie wirklich bestimmt sich Tauschwert und Gebrauchswert?

Das sind fundamentale Fragen, auf deren Beantwortung – die eben sagt, dass sich Tauschwerte aus Gebrauchswerten sinnvoll berechnen lassen – die gesamte anerkannte Lehre der sogenannten Wirtschaftswissenschaften basiert. Und daraus leiten sich weitere Fragen ab.

Ist die doppelte Buchführung in sich logisch, schlüssig und falsifizierbar?

Wir reden von WährungsEINHEITEN – zu recht? Welchen Kriterien muss denn eine Einheit genügen?

Ist Geld also nicht viel mehr ein psychologisches Phänomen, ein Abbild unseres Denkens, gestützt durch Ideologien?

Von welchen geistigen, emotionalen Komponenten wird der Umgang mit Geld heutzutage bestimmt?

Ist unser Zusammenleben nicht von Schuldkategorien geprägt, bis in´s Private, in das Alltägliche?

Wenn ich etwas bekomme, dann MUSS ich etwas zurückgeben, ich bin etwas schuldig. Kennen wir dieses Gefühl nicht zu gut? Wo kommt das her?

Woraus begründen wir Schuld und was bewirkt dieses Denken in Schuld?

Vielen ist es nicht bewusst, aber schauen wir auf unser Geldsystem, dann sehen wir ein Schuldgeldsystem. Wir als Gesellschaft sind durchdrungen von der Akzeptanz der Macht, die sich über den Besitz von Quantität an vergegenständlichten wie virtuellen Schuldgeldscheinen misst. Ja, es handelt sich um Schuldscheine, die übertragbar sind und das Recht gewähren, Schuld (Anderer) einzulösen und den Schuldigen verpflichtet, seine Schuld abzutragen. Ironischerweise zeigt unser Girokonto die Schulden der Bank uns gegenüber – und die Bank hat Angst davor, dass wir die Begleichung einfordern. Schuld gebucht in Konten, im Aufrechnen. Ist dieses Denkmuster, welches eine hohe emotionale, geistige Abhängigkeit des Schuldners erzeugt, ihn somit unfrei macht, gut für unser Zusammenleben?

Die Entwicklung und Handhabung unseres heutigen Finanzsystems ist eines sehr wohl: Spiegelbild einer Gesellschaft in der die Ideologie des Eigennutzes und der damit verbundenen Konkurrenz Vorrang vor Kooperation und Mitgefühl hat. In diesem Sinne ist es auch ein psychologisches Phänomen, in dem emotionale Komponenten unseres Unterbewussten sehr erfolgreich angesprochen werden. Es ist ein Versprechen, eine Suggestion, an die sich die Menschen klammern, völlig losgelöst von wirklichen materiellen wie geistigen Werten, ein Fetisch der angebetet wird und dieser Funktion entsprechend die Menschen abhängig macht, eine Droge als Ersatz für wahres menschliches Glück.

Nahrung z.B. hat für jeden Menschen einen überragenden Wert – ist das berechenbar?

Obwohl auf der Erde Nahrung produziert wird, soviel wie nie zuvor, sterben Menschen an Unterernährung bzw. dessen Folgen. Die einen weil es keine Nahrung gibt, die anderen weil sie kein Geld (kein Recht Schulden einzulösen) haben, um damit Nahrung zu erwerben. In den Staaten der Ersten Welt aber werden Tag für Tag Lebensmittel im Überfluss produziert – und vernichtet.

Warum ist das so? Liegt das am Geldsystem oder liegt das vielleicht eher daran, dass ganze Gesellschaften ihr Mitgefühl für andere auf dem Altar der Selbstsucht, des Eigennutzes geopfert haben?

Wie einfach das in unserem Alltagsleben funktioniert, zeigt z.B. der (gedankenlose?) Griff in´s Kühlregal des Supermarkts, um die scheinbar(!) preiswerte Putenbrust zu wählen einfach nur in kalten, jedweder Gefühle befreiten Quantitäten des Geldes gedacht. Diese (nur kurzfristig gedacht) einfachen Lösungen werden also unseren Köpfen nicht nur in dem großen Blatt mit den vier Buchstaben angeboten, sondern überall, eben auch dort im Supermarkt, ja der Supermarkt selbst (man verarbeite das sprachliche Konstrukt) ist eine solch bequeme Lösung – die auf Kosten Vieler, vielleicht sogar auf die Kosten desjenigen selbst gewählt wurde. Ein Ort, in dem tagtäglich das aktuelle Finanzsystem durch uns “gefüttert” wird.

Den Hunger auf der Welt zu beseitigen ist demnach keinesfalls eine Frage des Geldes oder des Geldsystems, es ist eine Frage der Empathie! Dass es Börsen für Nahrungsmittel gibt, an denen mit Spekulationen Geld – eine Chimäre, aber die mit dem Recht sich reale Werte anzueignen – verdient wird, ist auch keine Frage des Finanzystems sondern das Wesen kranker, konkurrierender, psychopathischer Gesellschaften – zu denen wir auch die unsrige zählen müssen. Dass unser Geldsystem kreiert wurde von machtbewussten Bankern, Kaufleuten und Politikern und somit das Kainsmal der Herzlosigkeit in sich trägt, das steht auf einem anderen Blatt. Funktionieren aber kann es nur, weil die Gesellschaften “mitspielen”, weil dessen Akteure in Egotismus gefangen sind, dieser Zustand permanent gestützt wird (durch Ideologien und Manipulation) und so Mitgefühl und wirklich glücklich machende soziale Empfindungen erfolgreich unterdrückt werden.

Was macht Menschen glücklich?

Was macht z.B. auch einen Unternehmer, der keine gefühl- und willenlose vom Markt gesteuerte Kreatur, sondern wie alle Menschen in seinem Wesen gleichermaßen fühlend ist, glücklich?

Ist es nicht eher die Selbstverwirklichung und das Gefühl mit anderen besonderes vollbracht zu haben, etwas dauerhaftes was allen nützt, was Anerkennung erzeugt und das einen Menschen innerlich stärkt?

Nur mal als forsche Frage, welche Rolle genau soll hier Geld spielen? Der Unternehmer braucht KEINEN Wettbewerb um in seiner Aufgabe, die er erkannt hat, die seinen Fähigkeiten entgegenkommt und in der er – als empathisch denkender Mensch – einen tatsächlichen Mehrwert (nicht in Geld!) für andere Menschen sieht, aufzugehen. In einer kooperativen Gesellschaft, in der alle Mitglieder empathisch geprägt sind, werden sich zudem Gleichgesinnte finden, welche die Idee unterstützen, mit Ressourcen, kreativer Arbeit und eigenen schöpferischen Impulsen. Letztlich steckt in Jedem von uns eine Art Unternehmer. Nikolas Tesla (nur als Bsp.) hat nicht an Profite gedacht, als er das Prinzip der Energieerzeugung und des Transports mit Wechselstrom entwickelte. In einer konkurrierenden Gesellschaft war es für ihn, der ein Visionär, ein Idealist war, extrem schwer seine phänomenale Idee zu verwirklichen, weil fast alle Investoren eben in Geld dachten, rechneten, profitorientiert handelten – und Konkurrenten (hier Thomas Edison) aus den gleichen Motiven heraus, versuchten die Idee zu sabotieren. [1] Das private Eigentum stand (und steht) in dieser gesellschaftlichen Konstellation wie auch der Gott des Mammon über allem Handeln. Wer Sprache achtet und ihre Zeichen deuten kann, wird auch das interessant finden: Das Wort “privat” kommt aus dem lateinischen von “privatus”, abgeleitet von “privare” und bedeutet soviel wie “abgesondert”, “beraubt”, “getrennt”.

Bekanntermaßen handelt es sich beim aktuellen Finanzsystem um ein zins- und zinseszinsbasiertes Schuldgeldsystem. Ihm innewohnt schrankenloses Wachstum – immer wieder unterbrochen von der Vernichtung von Werten, rücksichtsloses Verschaffen von Vorteilen (“im freien Spiel der Kräfte”), eine Anbetung von Macht, Zurückdrängen von Gefühlen zugunsten eines rein materialistisch, geradezu mechanisch aufgefassten Weltbildes. Menschen sind in dieser Welt der Konkurrenz und Geldvermehrung nicht gewünscht als fühlende Wesen sondern rein in ihrer Funktion als Wirtschaftsakteure (homo oeconomicus). Als dieses spiegelt das Schuldgeldsystem alle Eigenschaften des Menschen wieder, die er eigentlich nur im schonungslosen Kampf um das nackte Überleben gebrauchen muss, dass da sind Angst und Misstrauen, Gier, Rücksichtslosigkeit, affektives reaktives Handeln, fehlende Selbstreflektion und ein hohes Maß an Egoismus. Ja, diese Eigenschaften sind Ergebnis wie auch Erfolgsmodell der Evolution des Menschen – im Überlebenskampf, nicht aber im Leben innerhalb sozialer Gemeinschaften!

Die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, wie angemessene, also menschenwürdige Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Wohnraum muss eine Selbstverständlichkeit, keine Frage finanzieller Verhältnisse sein. Als grundlegende Voraussetzung für die uneingeschränkte wie freie Teilhabe an der Gesellschaft, mit der Möglichkeit der Selbstverwirklichung die Rücksicht nimmt auf eben diese Gemeinschaft, sie schöpferisch mitgestaltet . DAS ist für das Menschsein zwingend erforderlich. Mehrung von Eigentum aber als erstrebenswertes Ziel – und in diesem Sinne faktisch grenzenlos – setzt die Manifestation von Egoismus in uns voraus – und die Arroganz selbst mehr wert zu sein als andere, womit man sich dieses Mehr an Besitz einfach mal verdient hat. Hier gehen dann Gier und Rassismus gemeinsame Wege. Das Streben nach Reichtum ist Zeichen für das Unvermögen, wahres Glück zu erkennen und dafür zu kämpfen. Geld in diesem Kontext ist daraufhin nur die Quantifizierung eines einsamen, billigen Glücks.

Unser Finanzsystem ist erklärbar und durchschaubar. Wenn der Schleier, welcher über unser gegenwärtiges Finanzsystem gelegt wurde, gelüftet ist, werden Überlegungen zur Etablierung alternativer fiskalischer Strukturen sinnvoll sein. Das wird uns allerdings nicht davor bewahren, unser eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen. Es nützt uns übrigens auch rein gar nichts das derzeitige System zu verteufeln, tun wir das, leben wir nur die destruktive Emotion des Hasses. Entsprechend ist es auch völlig sinnlos, die offensichtlich in das System eingebundenen Banker, Angestellten und Politiker an den Pranger zu stellen und als Schuldige zu stigmatisieren. Soll es gelingen, eine dauerhaft friedlichere Gesellschaft als die heutige zu entwickeln, dann sind diese Menschen sogar unbedingt mit einzubeziehen! Wir alle tragen das System. Deshalb ist die Wahrnehmung und Übernahme unserer Verantwortung für ein Hin zur Welt des Miteinander so wichtig.

Diesen Beitrag beabsichtige ich, am 1.Juni als Skript für einen Vortrag bei der Mahnwache zu verwenden.
Ich freue mich auf eine lebhafte, für alle erkenntnisreiche Diskussion - gern auch schon im Vorfeld!
Es grüßt Euch herzlich
Peter


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