Die Kraft des Zuhörens und die Mahnwachen für den Frieden

#1 von ped43z , 09.05.2015 22:33

Ein Rückblick und eine Hypothese

Über ein Jahr nach dem die Mahnwache für den Frieden in Dresden im März 2014 erstmalig in Erscheinung trat, lohnt sich ein Blick zurück, verbunden mit einem Innehalten. Was hat die Mahnwache in dieser Zeit erreicht, vor allem aber , WEN, WIEVIELE hat sie erreicht? Und warum hat Sie nicht mehr erreicht, als wir uns wünschen? Wir betrügen uns selbst, wenn wir unsere eigene Verantwortung dafür ausblenden. Meine Hypothese dazu lautet daher:

Wir haben bis heute nicht ausreichend die Kultur des Meinungsaustausches entwickelt, die Menschen zu uns zieht. Dadurch konnten wir unser Wissen nicht genügend weitergeben und wissen zu wenig über das Denken der Menschen um uns herum.

Vor einiger Zeit erzählte ich von einem Gleichnis. Ich las die Geschichte im Netz und der Verfasser, von dem ich in Blogs noch das Eine oder Andere mehr las, ist, so glaube ich, ein einfacher Mensch, dabei geistig reich, innerlich in Frieden und somit glücklich. Er erzählte über die Dialektik von Verantwortung und Macht und ich möchte einen Teil seiner Worte hier noch einmal zitieren:

Zitat
“Je größer die Macht, [desto] … geringer die Verantwortung, und je geringer die Macht, [desto] … größer die Verantwortung. In dieser Systematik wird das Wesen des “Punktes” offenbar. Auch die eine Hälfte des Wesens von Leben: Zerstörung. Zerstörung des Menschenseins, Zerstörung von Gemeinschaften, von Kulturen, von Kindern und Tieren, Pflanzen und Landschaften. Dieser Punkt, in seinem Wesen ein Nichts, entfaltet seine nur potenzielle Macht durch zu Größenwahn veranlagten Menschen – die der Versuchung einer Machtbeteiligung erliegen. Sie haben kein Bewusstsein darüber, dass sie mit ihrer Hingabe nichts Existenzwertvolles gewinnen, sondern mit dem Schritt, ihr Leben für diese zerstörerische Macht zu opfern, ihren Anspruch auf Existenz verlieren.”



Verantwortung heißt Reflektion, Erkenntnis und Veränderung an sich selbst, Macht heißt Egotismus, Dogmatismus und das Verändern Anderer – und Macht duldet freiwillig keinen Gleichwertigen neben sich, Macht heißt Konkurrenz. Verantwortung übernehmen, heißt, anderen ein Vorbild geben, anderen Mut machen, ihrerseits Verantwortung zu übernehmen. Macht macht Angst, entzieht sich der Verantwortung und lehrt die Menschen, in Angst zu leben. Macht erzwingt eine negative Kultur des Streits, der Konfrontation, es schränkt zuallererst geistige Freiheit ein, die eigene wie die Anderer – es ist ein Gegen. Verantwortung ist das Loslassen von Macht, auch – nein vor allem – die von geistiger Macht, es bringt die Achtung vor dem Anderen und lehrt Achtung für sich selbst – es ist ein Für. Das Für, welches wir in unserer Kultur des Diskutierens benötigen. Das ist es, was unsere Bewegung attraktiv machen kann, es ist die ausgestreckte Hand, die wir zu reichen haben, wenn wir unserer Verantwortung, der Verantwortung für den kleinen und damit dem großen Frieden gerecht werden wollen.

Gedanken über die Kultur des Meinungsaustauschs

Wenn ich meinem Gegenüber sage: “Dich verachte ich, weil du so bist und denkst” und mein Gegenüber antwortet: “Genau das bist Du auch und ich verachte dich ebenso”, dann haben wir beide in doppeltem Sinne recht – warum? Es ist der kleine Krieg zwischen uns Menschen, so wie er in der Gesellschaft als das Normale vorgelebt wird. In dieser Ellbogenkultur kann es auch immer nur EINE wahre Meinung geben und das kann nur die EIGENE Meinung sein, denn man möchte auf der Seite der Sieger stehen. Deshalb wird in einem solchen System der Konkurrenz die Meinung des Anderen immer als die Meinung des Gegners verstanden – und sie wird kompromisslos bekämpft. Konkurrenz aber, auch im Denken bekämpft Vielfalt – und was ist übrig, wenn diese geschlagen wurde? Alternativlosigkeit strahlt im gegenwärtigen System weit, sehr weit in die Gesellschaft aus, auch in unsere Art mit der Meinung anderer umzugehen.

Und deshalb die Frage: Was wollen wir?

Wir möchten andere Menschen mit unseren Ansichten erreichen, vor allem Menschen mit bislang anderen, ganz anderen, ganz ganz anderen Ansichten. Das geht nur, wenn diese Menschen uns zuhören, wenn sie sich auf uns einlassen. Und dieses Einlassen beruht auf Gegenseitigkeit und wird nur funktionieren, wenn auch wir die Fähigkeit haben zuzuhören. Wenn wir das nicht aushalten, dann werden wir mit unseren Idealen, unserem zweifellos vorhandenen Wissen einfach weiter im eigenen Saft schmoren.

Ohne die Kraft des Zuhörens werden all unsere Bemühungen um den Frieden (im Großen wie im Kleinen) schlichtweg versanden!

Zuhören ist zu aller erst ein Überwinden unserer Selbstsucht (Ihr wisst: Egotismus) – damit gleichbedeutend kann es sehr unbequem für uns selbst sein. Und es bedeutet Achtung, Empathie. Zuhören ist Vorleben, gibt ein Beispiel und kann Andere aufmerksam machen auf eine ganz andere Art der Diskussionskultur. Es ist das Aufzeigen einer Möglichkeit und selbst wenn der gegenüber sich dieser Möglichkeit nicht annimmt, ist nichts verloren, die Dinge brauchen Zeit. Nur über das bewusste Zuhören überwinde ich die Angst vor dem Fremden, erlange ich wirklichen Zugang zu den Argumenten des Anderen.

Wir benötigen die Fähigkeit, uns auf die Argumente einzulassen, statt unseren negativen Emotionen nachzugeben, Wir sind gefordert, nicht angebrachte Überlegenheit Anderen gegenüber abzulegen. Erst dann nehmen wir Andersdenkende wirklich ernst, bringen Ihnen Achtung entgegen! Wir wissen, dass es zwischen Schwarz und Weiß unendlich viele Graustufen gibt.
Es geht nicht darum, nach dem Diskurs in meinem eigenen Kopf das Gesamtbild des Anderen zu teilen. Es geht darum in der Lage zu sein, anderen Impulse zu geben und gleichermaßen zu empfangen, Kooperation gerade im Denken ist beidseitig und entwickelt Verantwortung und Mitgefühl für sich UND den anderen.

Diese Art erlaubt uns auch unsere eigenen Thesen auf Plausibilität und Belastbarkeit zu testen – und unter Umständen korrigieren. Zuhören impliziert auch, nicht reflexartig zu reagieren und somit unser Unbewusstes sprechen zu lassen, was uns die Möglichkeit nimmt, Gedanken zu verarbeiten. Bemühen wir uns, der Versuchung zu widerstehen, fehlende Argumente durch Rethorik zu ersetzen. Vertreten wir unsere eigenen Auffassungen sachlich, zeigen wir dabei, dass wir selbst fehlbar und damit offen für andere Meinungen sind. Stellen wir eigene Argumente nicht GEGEN die des Gegenüber. Stellen wir Fragen, damit zeigen wir Interesse, vermeiden wir auch hier Rhetorik (z.B. Suggestivfragen).

Erkennen wir, dass unser Gesprächspartner in Erklärungsnot gerät, seine Diskussionsweise zunehmend emotional, unlogisch und verletzend wirkt, ist das oft ein Zeichen, dass er in kognitive Dissonanz gerät, dass er sein Weltbild und einhergehend seine Persönlichkeit gefährdet sieht.

Man muss über Empathie erkennen, wenn der Andere in Not ist. Es stellt sich nun die Herausforderung an die eigene Persönlichkeit, die Emotionalität des Anderen nicht zu sehr an sich heran zu lassen. Die Menschen brauchen Zeit, um einen solchen Konflikt aufzulösen, bekommen sie die, ist das auch eine Chance für uns, diese Menschen zukünftig besser zu erreichen und von ihnen zurück zu bekommen.

Vergessen wir nicht, Ergebnis einer Diskussion kann auch sein, dass etwas in unserem Weltbild plötzlich so gar nicht mehr passt. Kommt es dazu, wird sich an unserer Reaktion darauf zeigen, wie weit wir mit unserem ganz eigenen Weg gekommen sind. Verabschieden wir uns von einer Konkurrenz (dem Sinnbild von Machtstreben) der Meinungen, suchen wir das Gemeinsame. Bemühen wir uns also um eine Diskussionskultur, die vorlebt, die kooperativ, empathisch und damit attraktiv für Andere ist.

Unabhängig davon, lasst mich bitte noch eines sagen: Die Verbreitung von Wissen und das zur Diskussion stellen der eigenen Erkenntnisse von gerade mal drei Engagierten hier im Forum, ist ein Zeichen, dass der Großteil der Mahnwachen-Teilnehmer nach wie vor passiv verharren - oder täusche ich mich?


>>> So wir zu unserem ganz persönlichen kleinen Frieden streben, so sind wir auch in der Lage den Frieden weiter zu geben. <<<

 
ped43z
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RE: Die Kraft des Zuhörens und die Mahnwachen für den Frieden

#2 von Rolf zu Darben , 12.05.2015 18:27

Nochmals vielen Dank für den Beitrag gestern!

Auch wenn ich immer glaube, all diese Dinge schon zu wissen, schaffen deine Reden es immer, nochmal ein höheres Maß an Reflexion und Verinnerlichung dieser Sachverhalte bei mir zu triggern. Ich hoffe diese auch mehr und mehr umzusetzen zu lernen :)

liebe grüße!

Rolf zu Darben  
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