Neulich auf der Mahnwache...

#1 von Nathanael , 29.09.2015 03:44

Da ich gerade kein Schlafbedürfnis empfinde, möchte ich die Zeit einfach nutzen, um einige, für mich schöne Momente festzuhalten. Da ich selbst auch weiß, dass wir im Grunde in solchen Momenten die Welt verändern, aber wir uns all zu oft dem gar nicht bewusst sind. Und ich eröffne diesen Thread, damit vielleicht auch Ihr Eure kleine Geschichte, ein Erlebnis beschreibt. Denn ja, so verändern WIR die Welt.

Ich möchte eine Situation beschreiben, die mich bei unserem heutigen Beisammensein sehr berührt hat, mir sogar jetzt noch ein schönes Gefühl in mir nachschwingen lässt. Ich war sehr ergriffen von Lothars Rede und habe mich heute auch bewusst angestrengt, allen Rednern zu zuhören. Dabei habe ich auch versucht auf die Außenwirkung zu achten, was natürlich ein Spagat ist. Jeder möge über das Gesetz der Resonanz denken was er möchte, aber mir geht es dauernd so, mich ziehen Menschen oder Dinge an, die mir bei meinen Lernaufgaben weiterhelfen. Und in diesem Fall war es so:

Ich glaube es war beim dritten Redner. Meine Konzentration beim Zuhören ließ nach und ich habe meinen Fokus eher auf die Außenwirkung verschoben, da habe ich links hinter mir eine Frau wahrgenommen. Sie war dabei sich abzuwenden und ich schnappte sinngemäß einiger Ihrer Worte so auf: "Das ist doch lächerlich. Ihr wollt die Welt retten? Was redet der Mann denn da für Zeug?"

Und ich hörte eine Antwort auf meine Frage zur Außenwirkung, von einem Menschen den er nicht kannte, der eben zufällig vorbei kam. Natürlich bin ich meinem Impuls gefolgt und auf die Frau zugegangen, denn ich finde es schade, wenn wegen oberflächlicher Betrachtung, eine ganze Lebenswelt egalisiert wird. Und Vorurteile die nicht am Anfang entkräftet werden, sind nur schwer wieder abzubauen. Deswegen habe ich sie einfach angelächelt und gefragt, ob sie bitte wiederholen kann, was sie gerade gesagt hat. Nachdem sie diese tat, habe ich sie gefragt, wie lange sie denn schon hier sein? Drei Minuten, sagte sie mir. Dann habe ich nur gefragt: "Sind sie sich mit ihrem Urteil über diese Menschen sicher? Sie kennen doch keinen einzigen was macht sie also so sicher?" Und so kam sie ins grübeln und begann sich zu öffnen. Wir kamen gut ins Gespräch. Ich gab ihr eine Art "Komplet Paket", was uns Mahnwache bedeutet, warum dann eben auch verschiedenen Menschen hier reden, dass es auch Themen Abende gibt, die fachlich fundiert sind usw. Und als ich ihr dann erzählt habe, wie lange die meisten von Euch hier schon Woche für Woche, seit fast 1 1/2 Jahren jeden Montag hier sind, da habe ich gemerkt, wie es bei ihr ankam. Es hat klick gemacht, sie musste schlucken und sie begriff, dass hier Menschen stehen, die zwar erstmal komisch wirken, aber sie merke intuitiv, dass ist wirklich anders. Aber was sie mir gesagt hat, was sie empfunden hat, als sie vorbeikam, dass war hart und ja, ich musste nicken. Aber dazu an andere Stelle. Denn so gesehen ist dass schon eine tolle Geschichte, eine sehr schöne Erfahrung, aber daraus ist etwas entstanden, was es auch wert ist zu erzählen.

Noch bevor ich mit dieser Frau gesprochen hatte, war mir auch noch eine andere Frau aufgefallen. Sie stand lange rechts hinter mir. Sie hat zu gehört, wirkte auch offen und interessiert. Hat sich die Bilder und Plakate angesehen. Aber irgendwann hat sie sich mit Handy am Ohr entfernt und dann geschah auch fast die Sache, die ich beschrieben hab und die andere Frau war aus meinem Wahrnehmungsbereich verschwunden und ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Außerdem war ich im Dialog. Ich selbst wollte auch noch einen Redebeitrag einbringen und so war die Unterhaltung auch unterbrochen, da ich es tat. Im Anschluss habe ich noch eine Weile mit der Frau gesprochen und da kam auf einmal die andere Frau wieder. Sie lächelte mich an und als sie begann zu sprechen, da merkte ich, dass sie nicht Deutsch als Muttersprache spricht, aber dennoch gut. Die erste Frau, so liebevoll sie sicher ist, hatte aber doch eine Abwehrhaltung als sie mitbekommen hat, dass die andere Frau aus Serbien stammte. Da habe ich ein wenig zwischen den Frauen vermittelt und das war auch gut so. Irgendwie kam die erste Frau mit einem anderen jungen Menschen ins Gespräch und ich redete mit der anderen Frau. Ich fragte sie nach Serbien, warum sie nach Deutschland gekommen ist, was sie so macht. Ich habe verstanden, dass sie Tierärztin ist und gerade einen mehrmonatigen Sprachkurs macht und hofft eben eine Arbeit zu finden, um hier zu bleiben. Sie sagte, sie sei im Grunde nur hier, weil sie sich mit einem Mann verabredet hat, der ihr eine Wohnung zeigen wollte. Sie warte auf seinen Anruf. Sie beschrieb mir auch, dass sie sich unsicher fühle und dann fragte sie mich sogar, ob ich wenigstens kurz dort mit hinkommen könnte, weil sie nicht alleine mit einem Fremden sein möchte.

Ich war sehr gerührt, aber auch verlegen und verwirrt. Denn "Nathanael und die Frauen" ist so ein ganz eigenes Kapitel. Ich war schon verwirrt, als mich Angelika immer "Süßer" genannt hat und habe so leichte Beklemmung empfunden, denn von anfänglich "Spinner" in einer Stunde zum "Süßen" das nenne ich mal durchstarten. Aber im Grunde kann ich dann doch damit umgehen und dachte mir: "Angelika, Du bist auch ne Süße, eben so ne ganz spezielle" und mal ehrlich, welchen Mann schmeichelt es nicht, wenn eine Frau ihn so nennt, selbst wenn es nicht "die Frau" ist. Aber was mich dann eben noch mehr verwirrte, dass die andere Frau, ich habe leider ihren Namen vergessen, selbst wenn ich könnte ihn gar nicht schreiben, aber der Name klang schon schön. Diese Frau hatte auch etwas Natürliches. Mir sind ihre braunen Augen aufgefallen. Darin war so viel Leben. Was sie sagte, zeugte von ihrer geseitigten Tiefe und ich konnte ihr wahres Wesen für einige Augenblicke erkennen. Und sah sie für mich vorher eher unscheinbar aus, so erkannte ich auf einmal ihre Schönheit als Mensch. Ich spürte, dass sie wirklich unsicher war und auch irgendwie auf ganz natürliche Weise eben das tut, was sie gerade tut. Aber ich selbst fühle mich eher unbehaglich in der Vorstellung: "Mann rettet Frau." Nicht das ich nicht gerne Frauen rette, aber mir reicht oft einfach ein Danke und ich würde auch jeden Mann retten. Und ehrlich gesagt, ich hätte dieser Frau gerne geholfen, hätte es auch gemacht. Doch da kam dann eine Wendung zu Stande, die ich nicht erwartet hätte. Denn Angelika kam dann wieder zu uns und sie lud von sich aus die andere Frau zu einem Getränk in einer Kneipe ein. Und da sah ich die Chance aus "Mann rettet Frau" "Frau hilft Frau" zu machen. Ich erklärte in kurzen Worte das Problem und Angelika erklärte sich bereit, der anderen Frau zu helfen und sie wollten noch etwas Zeit gemeinsam verbringen. Was mich selbst sehr freut, beide haben gesagt, dass sie wiederkommen werden. Ich freue mich auf die rustikale Angelika und die Frau mit den schönen braunen Augen. Und ich weiß, selbst wenn sie niemals wiederkommen, so haben beide in ihrem Herzen ein Stück "Jorge Gomondai Platz" für immer mitgenommen. Ich war in dem Moment ein Spiegel für unser Kollektiv, denn ich habe viel erzählt, was ihr alles schon gemacht habt und diese beiden Menschen haben es erkannt. Und in meinen Augen ist es eben genau das, was wir doch wollen. Das Menschen erkennen. Also durch Denken und Fühlen zur Erkenntnis kommen.

Was ich gerne zum Schluss noch weitergeben möchte. Die Frau aus Serbien hat etwas wunderschönes gesagt, was auch ihr hören/lesen solltet. Sozusagen ein wundervoller, universeller Gruß.

"Ich komme aus der Nähe von Belgrad. Ich bin hier zwar alleine, aber Dresden erinnert mich an Belgrad. Es ist schön hier, die Menschen sind nett, Ich fühle mich hier zuhause. In meinem Herzen fühlt es sich so an, als wäre ich zuhause in Belgrad, dass ist ein schönes Gefühl."

Und na klar muss ich an die beiden denken. Aber es ist ein schöner Gedanke, eine aufbrausende Frau aus Deutschland, die im Grunde nie wieder, oder nur durch Zufall vorbeigekommen wäre, geht mit einer eher unscheinbaren Frau aus Serbien etwas Trinken. Emanzipatorische Völkerverständigung in Aktion! Und obwohl beide sehr verschieden sind, fühlen sie sich hier zuhause.

Apropos zuhause. Daniel, kannst Du Dich noch an den Abend mit Josef erinnern? Ich würde mich freuen, auch wenn ich nicht weiß ob Du Zeit und Muse hast, wenn Du etwas über diesen Abend schreiben würdest. Passt doch gute in diesen Thread oder? Hast Du gesehen, wie er heute gestrahlt hat? Da ist mir das Herz aufgegangen...

 
Nathanael
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